Am Anfang diese Projekts stand die Schlange vor der Currywurstausgabe im Mensabistro. Während ich mit Stefan Wagener – dem Laboringenieur des PVD-Projekts – wartete, ergab sich ein spontanes Gespräch mit zwei Kolleginnen, die wir noch nicht kannten. Eine davon war Dr. Kathrin Stahl, akademische Rätin am Lehrstuhl für Strömungsmechanik von Professor Holger Foysi. Unser Austausch beim gemeinsamen Mittagessen führte zunächst zu einer Besichtigung von Stefans Laboren am Lehrstuhl für Oberflächen und Werkstofftechnologie und schließlich in den Windkanal, in dem Kathrin forscht.
Architektur der Stille
Als ich die Messkammer betrat, war ich von zwei Dingen unmittelbar beeindruckt. Erstens hatte ich selten einen Ort erlebt, der so still war. Während manche Menschen auf diese akustische Leere mit Schwindel reagieren, stellte sich bei mir sofortige Entspannung ein. Zweitens war das visuelle Potenzial des Raums sofort greifbar. Die Geometrie versprach die Möglichkeiten sehr klarer Kompositionen, und die Wandverkleidungen aus Lochblech boten Oberflächen für wunderbar strukturierte Reflexionen. Als ich Kathrin von meinen Beobachtungen erzählte, entstand aus der Zufallsbegegnung schnell eine koordinierte Fotoproduktion.
Geometrie und Schalldruck
Im Windkanal bereitete Daniel Scholl, Doktorand in der Forschungsgruppe von Prof. Karsten Kluth im Bereich Arbeitswissenschaft/Ergonomie, gerade Messungen zur akustischen Belastung von Motorradfahrern vor. Sein Versuchsaufbau mit einem Naked Bike – ein puristisches Objekt von funktionaler Schlichtheit – passte ideal zur Atmosphäre und diente als perfekter visueller Anker. Einige Wochen später fanden wir einen passenden Termin, der sowohl zu meinen Verpflichtungen als auch zu Daniels Messungen passte. Er plante, Gehörgangmikrofone zu nutzen, um den Einfluss von Geschwindigkeit und Körperhaltung auf den Schalldruck zu kartieren – Daten, die essenziell für künftige Helmoptimierungen sind.
Am Tag des Shootings erwarteten mich Daniel und Alexander Bald, der für den Windkanal zuständige Versuchsingenieur, mit guter Laune und tatkräftiger Unterstützung. Daniel hatte seine sorgfältig vorbereitete und blitzsaubere Suzuki 8S bereits im Testbereich geparkt, und um die klare Geometrie und Stille von Raum und Motorrad widerzuspiegeln, entschied ich mich für eine Top-down-Perspektive, die zu einem bewusst strukturierten, leicht abstrakten Bild führte. Dieser Winkel erforderte einigen Aufwand bei der Ausrichtung, doch meine Projektpartner:innen bewiesen die charakteristische Geduld von Wissenschaftler:innen und unterstützten mich dabei, sowohl die Kamera als auch das Motorrad präzise auf die Symmetrie der Kammer auszurichten.
Optische Kettenreaktion
Die Beleuchtung im Inneren des reflexionsarmen Raums stellte mich vor einige Herausforderungen. Da ich mehr Blitze verwendete als ich Funkempfänger zur Verfügung hatte und gleichzeitig einige Blitze an Orten platziert waren, die die Sichtverbindung für den Slave-Modus blockierten, lösten einige Einheiten nicht aus. Die Lösung war eine optische Kettenreaktion – ein manueller Workaround, bei dem zusätzliche Blitze als Relais fungierten, um die eigentlichen Lichtquellen auszulösen. Die Schwierigkeit bestand darin, dass diese Relais-Einheiten zwar eine Sichtverbindung untereinander halten mussten, aber nicht im Bild sichtbar sein durften. Eine freundliche Erinnerung daran, dass technische Reibungspunkte sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der kreativen Arbeit unvermeidlich sind.
Im Kollektor
Zum Abschluss der Session blieb noch Zeit für ein gemeinsames Gruppenfoto, für das ich halb im Scherz eingeladen wurde, in den Kollektor zu klettern – was ich natürlich sofort tat. Von Anfang bis Ende war die Produktion im Windkanal eine auf vielen Ebenen bereichernde Erfahrung. Sie hat einmal mehr bewiesen, dass die lohnendsten Projekte oft aus ungeplanten Begegnungen mit unbekannten Menschen entstehen und dass gemeinsame Mahlzeiten kombiniert mit professioneller Neugier zu anspruchsvollen Ergebnissen führen können. In der Wissenschaft wie in der Ästhetik zeigen sich wesentliche Erkenntnisse oft erst dann, wenn man die Geduld für Stille besitzt.
Technischer Hintergrund
Anlage: Aeroakustischer Open-Jet-Windkanal (geschlossener Kreislauf), Lehrstuhl für Strömungsmechanik (Prof. Foysi), Universität Siegen.
Spezifikationen:
- Teststreckenlänge: 2,24 m.
- Düsenaustritt: 0,8 m × 0,8 m.
- Maximale Strömungsgeschwindigkeit: Bis zu 70 m/s.
- Turbulenzintensität im Testbereich: < 0,5 %.
- Umgebung: Reflexionsarmer Halbfreifeldraum mit schallabsorbierender Auskleidung (ISO 3745, f > 100 Hz).
Untersuchungsparameter:
- Objekt: Naked Bike (Suzuki 8S).
- Equipment: Gehörgangmikrofon.
- Variablen: Geschwindigkeit, Körperhaltung (nach vorne geneigt und aufrecht), Vorhandensein/Fehlen eines Windshields.
- Ergebnisse: Signifikante Korrelation zwischen Geschwindigkeit und Gehörgangpegel; die Daten dienen als Basis für künftige Produktoptimierungen zur Reduktion der Schallbelastung unter Realbedingungen.